Interview

Acht Fragen an Ulrich Seidl

Im Bezug auf Keller kann man sagen: Fast jeder hat einen, kaum
jemand zeigt ihn her. Können Sie den Rechercheweg Ihres Films skizzieren?
Haben Sie nach bestimmten Kellern gesucht?

Es war in der Tat eine schwierige Aufgabe, an Menschen und ihre Keller heranzukommen. Nicht besonders schwierig ist es ja, die Normalität, das Banale, das Harmlose zu finden. Viele Menschen zeigen gerne ihren Keller her, aber was man darin findet, erschöpft sich meistens in Hobby-Räumen wie Bastelkeller, Fitnesskeller oder Partykeller bis hin zu Männern, die ganze Kellerräume mit ihrer Spielzeugeisenbahn ausstaffieren oder sich eine Bierdeckelsammlung zugelegt haben. In Wahrheit habe ich aber nach Abgründigerem gesucht. Doch wie soll man danach suchen? — Wie soll man Menschen finden, die etwas zu verbergen haben? Nach mehreren Wochen der Recherche, die hauptsächlich daraus bestanden hatte, von Tür zu Tür zu gehen und anzuklopfen, waren die Ergebnisse so frustrierend, dass wir begonnen haben, uns öffentlichere Themen vorzunehmen: das Thema Waffen oder Schießkeller beispielsweise, oder wir haben uns in der SM-Szene umgeschaut. Letztendlich hat es ein halbes Jahr gedauert, bis wir überhaupt mit den Dreharbeiten beginnen konnten, wobei die Suche nach Menschen und das Sammeln weiterer Schauplätze noch über einen sehr langen Zeitraum fortgesetzt wurde. Jetzt, am Ende, weiß ich, dass der „Keller“ ein Film ist, den man immer weiter drehen könnte, ein Film, der nie zu Ende gedreht sein wird.

Welche Wahrheiten verstaut der Österreicher im Speziellen und
der Mensch im Allgemeinen denn im Keller?

Für die Österreicher hat der private Keller einen Stellenwert, den es möglicherweise so in anderen Ländern nicht gibt. Österreicher verbringen ihre Freizeit häufig im Keller. Dort unten können sie, Männer, Familienväter, Hausfrauen, Ehepaare oder Kinder sein wie sie sein wollen. Dort unten geht man seinen Bedürfnissen nach, seinen Hobbys, seinen Leidenschaften und Obsessionen. Der Keller ist ein Ort der Freizeit und der Privatsphäre. Für viele Menschen ist der Keller aber auch ein Ort des Unterbewußten, ein Ort der Dunkelheit und ein Ort der Angst. Für manche aus eigener Erfahrung, für andere eine Kindheitserinnerung. Tatsächlich war und ist ein Keller auch immer ein Ort des Versteckens, ein Ort der heimlichen Verbrechen, ein Ort des Missbrauchs, der Vergewaltigung, ein Ort des Einsperrens, der Folter und der Gewalt

Warum kehren Sie nach der Spielfilm-Trilogie „PARADIES“
mit diesem Film wieder zur dokumentarischen Form zurück?

Für mich und meine künstlerische Arbeit ist es einfach wichtig, immer wieder in die Wirklichkeit einzutauchen. Sie befruchtet und inspiriert häufig auch meine Spielfilme. Das Kennenlernen anderer Menschen und Welten war und ist eine persönliche Bereicherung für mich. Was nicht heißt, dass dies immer erfreulich ist. Vielfach kommt man dem Leben und Schicksalen nahe, vielfach dieser Unausweichlichkeit, in die man hineingeboren und hineingeschlittert ist. Noch immer und immer wieder staune ich, was es an Menschlichem gibt, was Menschen alles auf sich nehmen, um ihre Sehnsüchte zu erfüllen, ihren Pflichten nachzukommen, ihre Unzulänglichkeiten zu sublimieren, ihren Machttrieb auszuleben oder ihre Sexualität zu unterdrücken. Wie Menschen um ihre Würde kämpfen, um ein wenig Zuneigung und das kleine Glück zu erlangen. Oft lassen mich das Erlebte und Gesehene nicht mehr los, oft schließt man erschüttert die Tür hinter sich, oft auch bin ich niedergeschlagen von Ahnungen, was Menschen einander antun und dass sie das oftmals nicht in böser Absicht tun. Es ist das Normale. Man ahnt und spürt die Abgründe, die sich da verstecken, im besten Fall auch die eigenen.

In all Ihren Filmen suchen und finden Sie Wahrheiten, die nicht unbedingt
etwas mit der Wirklichkeit zu tun haben müssen. Es ist die oft beschriebene
Verschränkung von dokumentarischen Stilmitteln mit solchen des Erzählkinos,
die im Kern Ihres Kinos steht. Anders formuliert: Es wäre kein Seidl-Film, wenn
sich hier nicht auch Fakten und Fiktionen sehr vertrackt vermischen würden.
Ich denke da nur an die Szenen mit der Frau mit den Babypuppen.
Könnten Sie diese etwas ausführlicher erläutern?

Wie immer bei meinen Filmen starte ich zunächst eine Reise ins Unbekannte, zu unbekannten Orten und Menschen. Man hat bestimmte Vorstellungen, man hat Ideen, man hat ein Konzept im Kopf und mit all dem taucht man in die Wirklichkeit ein. Wobei es mir nie darum geht, diese Wirklichkeit abzubilden, sondern es geht mir darum, aus der vorgefundenen Wirklichkeit den eigenen Blick zu finden. Die eigene Sichtweise auf die Wirklichkeit ist dann der filmische Blick. Damit zeige ich meinen Blick auf die Welt. Nichts davon ist vollständig oder endgültig.
Die Frau mit den Babypuppen ist ein gutes Beispiel dafür, wie durch diesen meinen Zugang zur Wirklichkeit filmisches Erzählen mitunter auch erfunden wird. Die Frau, die diese Szenen mit der Puppe verkörpert, besitzt zwar eines dieser täuschend echt aussehenden Reborn-Babys in ihrer Wohnung, aber nicht im Keller. Die Geschichte, die der Film erzählt, nämlich, dass diese Frau mehrere „Babys“ in ihrem Keller versteckt, mit denen sie tagtäglich Gespräche führt, ist also eine erfundene Geschichte. Nur der Schauplatz ist wirklich. Es ist ihr eigener Keller, wo diese Szenen gedreht wurden.

Die Haupterzählungen des Films kreisen um Menschen mit kaum
gesellschaftsfähigen Leidenschaften und Interessen, während der klassische
Hobbykeller, Partykeller oder die Waschküche nur vignettenhaft dargestellt
werden. Wieso favorisieren Sie die Extreme?

Das tue ich gar nicht. Zugegeben, die wenigsten von uns haben ein Hitlerbild an der Wand hängen — aber Ablehnung und Hass oder Gleichgültigkeit gegenüber Fremden findet man allerorts. Das Gesellschaftsfähige — wie Sie es nennen — liegt doch an der Oberfläche, darunter liegt das Private, die eigentlichen Wahrheiten, das eigentliche Leben. Wenn Extreme den Film tragen, so glaube ich, dass dieses „Extreme“ in der einen oder anderen Form, in abgewandelter oder abgeschwächter Form für uns alle gilt. Niemand von uns ist gegen Fremdenfeindlichkeit gefeit, jeder von uns hat seine Ängste und Abgründe, seien es faschistoide Anlagen, unterdrückte Gewaltbereitschaft, unausgelebte Machtansprüche, Verdrängungen oder sexuelle Fantasien, die von der sogenannten Norm abweichen.Wie könnte es sonst sein, dass Gewalt und Missbrauch zwischen Ehepaaren, innerhalb von Familien, zwischen Erwachsenen und Kindern keine Seltenheit ist? Dass Gewalt und Missbrauch, physisch wie psychisch, in allen gesellschaftlichen Institutionen stattfinden: staatlich oder privat, kirchlich oder von liberaler Pädagogik getragen? Dort, wo Menschen die Möglichkeit eingeräumt bekommen, Macht über andere Menschen auszuüben, dort finden offenbar Unterdrückung, Demütigung, Ausbeutung und Missbrauch statt.

Die Verbrechen von Priklopil und Fritzl haben im Ausland ein Zerrbild
von Österreich und seinen Kellern befördert. Hat Sie das angespornt oder
abgeschreckt, sich mit diesem Thema zu beschäftigen?

Weder noch. Die Idee zu diesem Film hat ihren Ausgangspunkt schon zu einem Zeitpunkt genommen, als diese Verbrechen noch nicht bekannt waren. Es war die Zeit der „Hundstage“ (2001), als ich mit meinen Mitarbeitern auf der Suche nach Schauplätzen die Vorstädte, das Zersiedelte, die Reihenhaussiedlungen und Eigenhausghettos erforscht und durchforstet habe. Je mehr Häuser ich besuchte, in je mehr Keller ich hinunterstieg, desto mehr kristallisierte sich die Erkenntnis heraus, dass Kellerräumlichkeiten oftmals großzügiger ausgebaut waren als die Wohnräumlichkeiten; dass die Bewohner des Hauses sich öfter und lieber unten in ihren Kellern aufhielten als oben in ihren Wohnzimmern. Das Wohnzimmer diente oft nur repräsentativen Zwecken. Das war damals für mich neu, eine neue Erkenntnis. In den letzten Jahren ist Österreich dann, wie wir alle wissen, in Verbindung mit dem Begriff „Keller“ weltweit zu trauriger Berühmtheit gelangt. Das, was sich kein Mensch vorstellen kann, ist hier Wirklichkeit geworden. Also muss man mit dem Faktum zurechtkommen, dass egal, wie und was mein Film behandelt oder zeigt; egal, welchen Film man zu diesem Thema zustande bringen wird: In den Köpfen der Zuschauer werden die Verbrechen der Fälle Fritzl und Kampusch immer präsent sein.

Trotz der inszenatorischen Strenge und der Härte der Geschichten ist
„Im Keller“ auch voller Humor. Einige Figuren erzählen Witze in die Kamera.
Das Leicht- und das Schwerverdauliche geben sich in Ihrem filmischen
Universum immer wieder die Hand.

Der Humor ist mir in allen meinen Filmen wichtig, neu sind in diesem Fall allerdings die obszönen Männerwitze. Auch die beschreiben in einem gewissen Sinn Wahrheiten. In ihnen sind ja „humorig“ die sexuellen Männerphantasien, Rassismus, Sexismus angelegt, und das ist gesellschaftlich akzeptiert. Oftmals habe ich beim Drehen dieser Szenen mir die Frage gestellt: Soll ich nun lachen oder soll ich weinen? Vielleicht sollte ich der Sache einmal nachgehen. Vielleicht sollte ich ja einmal einen Film machen, der nur aus öbszönen Männerwitzen besteht.

Die Fragen stellte Markus Keuschnigg.